Einleitung
Sie wurden gewählt. Herzlichen Glückwunsch! Jetzt steht die erste Amtszeit bevor, und mit ihr eine Flut von Fragen: Was muss ich wissen? Wann trete ich in Erscheinung? Wie organisiere ich die ersten Sitzungen?
Viele Betriebsräte unterschätzen den Start. Sie denken: „Wir schaffen das schon.“ Doch ohne klare Struktur verpufft die initiale Begeisterung schnell – und der Arbeitgeber profitiert von der Unsicherheit.
Dieser Leitfaden gibt Ihnen einen praktischen 90-Tage-Plan an die Hand. Er basiert auf Erfahrung aus über 500 Betriebsratsmandaten und deckt die wichtigsten Phasen ab: Von der ersten Sitzung bis zur ersten umfassenden Betriebsvereinbarung.
Monat 1: Kennenlernen und Rechtssicherheit
Die ersten 30 Tage sind entscheidend. In dieser Phase geht es nicht um große Themen – sondern um Basics.
Woche 1: Die eigene Lage klären
Bevor Sie mit anderen sprechen, müssen Sie selbst wissen, wo Sie stehen.
Checkliste:
- Wahlbuch prüfen – Datum genau feststellen
- Sitzungsordnung festlegen – wann treffen wir uns?
- Kontakt zum vorherigen Betriebsrat herstellen – Dokumentation sichern
- Betriebsratsschutzbeauftragten informieren (falls vorhanden)
- Mitgliederliste aktualisieren – Adresse, Telefon, E-Mail
Tipp: Fordern Sie beim Arbeitgeber alle Unterlagen an, die der vorherige Betriebsrat gesammelt hat – Protokolle, Vereinbarungen, Organigramme. Das spart Wochen an Recherche.
Woche 2: Rechte und Pflichten verstehen
Jeder Betriebsrat hat Rechte – aber auch Pflichten. Wer das nicht weiß, handelt riskant.
Die wichtigsten Paragrafen:
- § 77 BetrVG: Wahl des Betriebsrats (5 Jahre Amtszeit)
- § 80 BetrVG: Aufgaben und Befugnisse
- § 82 BetrVG: Ausschluss von der Mitarbeit im BR
- § 37 Abs. 6 BetrVG: Anspruch auf unbezahlte Freistellung für Schulungen
Wichtig: Lesen Sie nicht nur die Paragrafen – suchen Sie sich ein Seminar oder einen Kurs. Die ibp.Akademie bietet speziell für neue Betriebsräte den „BR 1“ an, der genau diese Grundlagen abdeckt.
Woche 3: Der erste Kontakt zum Arbeitgeber
Sie müssen nicht sofort mit großen Forderungen kommen. Der erste Kontakt sollte informell sein.
Empfohlene Agenda:
- Vorstellungsrunde (wer sitzt im BR?)
- Klärung der regelmäßigen Besprechungszeiten
- Diskussion über Kommunikation (Wie informieren wir uns gegenseitig?)
- Keine konkreten Forderungen – erst Mal zuhören lernen
Warnung: Zögern Sie nicht, aber handeln Sie nicht übereilt. Der erste Eindruck zählt – für beide Seiten.
Woche 4: Organisation aufbauen
Bevor das erste Thema ansteht, sollten die Strukturen stehen.
Was Sie brauchen:
- Ein gemeinsames Postfach (E-Mail für den BR)
- Ein Ablagesystem (digital oder papierbasiert)
- Ein Protokollbuch (oder Software wie BR-Protokoll.de)
- Ein Kalender für Meetings und Fristen
Profi-Tipp: Nutzen Sie Tools wie „Betriebsrat digital“ oder „Teamviewer“ für sichere Kommunikation. Versenden Sie keine sensiblen BR-Daten über WhatsApp oder persönliche E-Mails.
Monat 2: Themen identifizieren und priorisieren
Nachdem die Basics stehen, können Sie sich den Inhalten zuwenden.
Woche 5-6: Stakeholder-Mapping
Wer ist wichtig? Wer hat welchen Einfluss?
Fragebogen für jede Abteilung:
- Wie viele Mitarbeiter arbeiten dort?
- Welche besonderen Risiken gibt es (physisch, psychisch)?
- Gibt es besondere Regelungen (Schichtarbeit, Homeoffice)?
- Wer könnte Ansprechpartner sein?
Ergebnis: Eine priorisierte Liste der Themen – nicht nach Dringlichkeit, sondern nach Wichtigkeit für die Belegschaft.
Woche 7: Die erste Betriebsversammlung vorbereiten
Die BV ist Ihr Instrument, um die Belegschaft zu informieren und gleichzeitig Ihre Legitimation zu stärken.
Typische Inhalte der ersten BV:
- Vorstellung des neuen Betriebsrats
- Rückblick auf die Wahl
- Erste Themen, die Sie bearbeiten wollen
- Einladung zur nächsten BV (in 3 Monaten)
Wichtig: Planen Sie keine konkreten Beschlüsse ein. Die erste BV dient dem Kennenlernen – nicht der Entscheidungsfindung.
Woche 8: Erste Gespräche mit dem Arbeitgeber
Jetzt können Sie erste Themen ansprechen. Aber: Wählen Sie mit Bedacht.
Empfohlene Startthemen:
- Betriebsräteschulung (Antrag auf Freistellung nach § 37 Abs. 6)
- Kommunikation (Wie möchten wir zusammenarbeiten?)
- Datenschutz im BR (Welche Daten dürfen verarbeitet werden?)
Nicht empfehlenswert:
- Gehaltsfragen (dafür brauchen Sie mehr Daten)
- Personalabbau (zu emotional am Anfang)
- Technische Überwachung (braucht Fachwissen)
Monat 3: Erste Erfolge erzielen
Nach 90 Tagen sollten Sie erste Erfolge vorweisen können – sonst wirkt der BR schwach.
Woche 9-10: Eine kleine, aber symbolträchtige Vereinbarung
Ziel ist nicht die große Betriebsvereinbarung – sondern eine, die zeigt: Der BR handelt.
Ideen:
- Regelung zur Pünklichkeit (Keine Besprechungen nach 18 Uhr)
- Klärung der Homeoffice-Regelung
- Festlegung von Besprechungszeiten mit dem Arbeitgeber
Warum das wichtig ist: Jede erfolgreiche Vereinbarung stärkt das Vertrauen der Belegschaft. Und das Vertrauen ist die Währung eines jeden Betriebsrats.
Woche 11: Rückblick und Anpassung
Nach 90 Tagen ist Zeit für Bestandsaufnahme.
Fragen an den BR:
- Was hat gut funktioniert?
- Was war schwierig?
- Was haben wir gelernt?
- Was ist für die nächsten 90 Tage wichtig?
Dokumentieren Sie die Ergebnisse. Das schafft Transparenz gegenüber der Belegschaft und dient als Planungsgrundlage.
Woche 12: Planung für die nächsten 6 Monate
Jetzt wird strategisch gedacht.
Langfristige Themen, die Sie vorbereiten sollten:
- Betriebsratswahl 2031 (frühzeitig informieren)
- Schulungsbedarf der Mitglieder (wer will was lernen?)
- Potenzielle Konflikte (Kündigungen, Umstrukturierungen)
- Jahresplanung (wann finden welche Sitzungen statt?)
Checkliste: Die 12 wichtigsten Dinge in den ersten 90 Tagen
- ☐ Wahlbuch prüfen – Datum genau feststellen
- ☐ Sitzungsordnung festlegen – Regelmäßigkeit schafft Struktur
- ☐ Dokumentation sichern – Protokolle, Vereinbarungen archivieren
- ☐ Schulungsantrag stellen – § 37 Abs. 6 BetrVG nutzen
- ☐ Erste Betriebsversammlung organisieren – Belegschaft einbeziehen
- ☐ Kommunikationswege klären – E-Mail, Telefon, Meeting-Rhythmus
- ☐ Betriebsvereinbarung zu kleinen Themen – Erfolgserlebnisse schaffen
- ☐ Stakeholder-Mapping – Wer ist wichtig in den Abteilungen?
- ☐ Datenschutz-Regelung – Sensible BR-Daten schützen
- ☐ Kostenübernahme klären – Wer zahlt Schulungen, Materialien?
- ☐ Externe Unterstützung – Anwalt, Gewerkschaft, ibp.Kanzlei kontaktieren
- ☐ 90-Tage-Rückblick – Was läuft gut, was muss besser werden?
Häufige Fehler, die Sie vermeiden sollten
Fehler 1: Zu viel zu früh wollen
Neue Betriebsräte neigen dazu, alle Probleme auf einmal angehen zu wollen. Das überfordert – und führt zu Frustration.
Besser: Eine Sache nach der anderen. Erst die Basics meistern, dann die großen Themen.
Fehler 2: Keine Dokumentation
Gesprochene Vereinbarungen gelten nicht. Nur geschriebene.
Besser: Alles protokollieren, abzeichnen, archivieren.
Fehler 3: Isolation
„Wir schaffen das schon allein.“ Das ist der gefährlichste Satz im Betriebsratsleben.
Besser: Externe Hilfe holen – sei es von der Gewerkschaft, vom ibp.Team oder von spezialisierten Kanzleien wie der ibp.Kanzlei.
Fehler 4: Keine Belegschaft einbeziehen
Ein Betriebsrat ohne Bezug zur Belegschaft ist kein Betriebsrat – er ist ein Klub.
Besser: Regelmäßige BVs, offene Sprechstunden, Kommunikation über die Kanäle der Belegschaft.
Fazit: Der Start ist die halbe Miete
Die ersten 90 Tage entscheiden darüber, ob ein Betriebsrat erfolgreich wird oder im Alltag untergeht. Mit diesem Plan haben Sie eine klare Roadmap – aber erinnern Sie sich: Jeder Betrieb ist anders. Passen Sie den Plan an Ihre Situation an.
Wichtigste Erkenntnis: Ein guter Betriebsrat entsteht nicht durch große Gesten, sondern durch konsequente, strukturierte Arbeit. Beginnen Sie systematisch, und Sie werden sehen: Schon nach 90 Tagen haben Sie ein solides Fundament für die gesamte Amtszeit.
Brauchen Sie zusätzliche Unterstützung? Die ibp.Kanzlei und die ibp.Akademie begleiten Betriebsräte seit über 25 Jahren – von der ersten Sitzung bis zur komplexen Betriebsvereinbarung.